Happy birthday, Albrecht!

Foto (Bethke): Albrecht Weinberg, Titelfoto des Buches „Einer von uns: Albrecht Weinberg – Leiden an Deutschland“.

Dass Menschen ihren 90. Geburtstag feiern, ist nicht ungewöhnlich, es sei denn, sie wären bereits Dutzende Male gestorben.

Wenn man wie Albrecht Weinberg durch die Hölle des Holocaust gegangen ist, oder besser, sich durch sie hindurch geschleppt und dabei unsägliches Leid gesehen und am eigenen Leib und vielmehr noch an seiner Seele gespürt hat, dann ist der 90. Geburtstag, den er am 7. März feiert, nicht selbstverständlich. Seine Eltern und die meisten seiner Verwandten wurden in „Konzentrationslager“ (KZ) verschleppt, körperlich und seelische ausgebeutet und ermordet, auch in Auschwitz, dem größten Vernichtungslager der braunen Verbrecher, von dem Bundespräsident Gauck anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung dieses Lagers durch die „Rote Armee“ sagte, dass Auschwitz auf ewig Teil der deutschen Identität bleibe.

Auch Albrecht Weinberg und seine beiden Geschwister waren in Auschwitz eingesperrt, aber als das Lager befreit wurde, brachten ihnen die russischen Soldaten nicht die Freiheit. Wenige Tage zuvor hatte man sie wie Tausende andere auf einen der Hunderte „Todesmärsche“ geschickt, um sie noch länger quälen, ausbeuten und dann doch umbringen zu können, wenn sie nicht vorher starben, an irgend einer der vielen Krankheiten, an Entkräftung oder an beidem zugleich. Weinberg schleppte sich über etwa 60 Kilometer nach Gleiwitz und wurde von dort bei eisigen Temperaturen im offenen Güterwagen zum Stollen-„Bergwerk“ „Mittelbau Dora“ transportiert, um dort in der Herstellung der  „V 2“ zu arbeiten, jener Raketenwaffe, die den „Volksgenossen“ den „Endsieg“ bringen sollte. Dass Weinberg diese und weitere Strapazen überlebt hat, verdankt er vielen Zufällen. „Überlebt“ hat er zwar, aber auch nicht, denn als „Leben“ kann man jene Horrorjahre nicht bezeichnen. Er ist lediglich nicht gestorben, obwohl er sich dessen in jener Zeit nicht sicher war.

Seinen Geburtstag wird er in Leer feiern, im Kreis von Freunden und Bekannten, die er in Leer gefunden hat, in jener Stadt, aus der er vor 75 Jahren zunächst ins Arbeits- und dann ins Konzentrationslager vertrieben, seine Eltern, Verwandte und Bekannte in den Tod getrieben wurden. Seinen Geburtsort Westrhauderfehn hatte er schon vorher verlassen müssen, nachdem er im Jahr 1936 wie alle jüdischen Kinder aus seiner Schule verwiesen wurde und sich in der jüdischen Schule in Leer unterrichten lassen musste.

Denkt er an jene Jahre in Leer, dann erinnert er sich auch die damaligen jüdischen Mitbürger, die unter anderem in der Bremer- und in der Reimersstraße Häuser besessen hatten. Ihre Deportation war mit der Enteignung ihres Eigentums verbunden, nicht nur der Häuser, die „für’n Appel und en Ei“ neue Eigentümer fanden. Auch die Wohnungseinrichtung wurde verscherbelt und teils kostenlos abgegeben. Im Dezember 1942 schrieb Johann Pfeiffer, Ortsgruppenleiter der NSDAP in Westrhauderfehn, dass der Saal des „Verlaatshus“ voller Möbel stehe, Ende 1944 wurde in der Zeitung darüber informiert, dass sich Kriegsversehrte und Ausgebombte in der Turnhalle der Hoheellernschule gebrauchte Möbel besorgten könnten, und im Frühjahr 1943 hatte man einen Teil des Viehhofs auf der Nesse zum Möbellager umfunktioniert.

Damals waren die Lehrerin Wilhelmine Siefes und ihre Familie vermutlich zufällig ausgebombt worden, weil ihr Haus im Oldekamp nahe an den Bahngleisen stand, die der Bomberpilot wahrscheinlich hatte treffen wollen. In ihren Erinnerungen hat Siefkes dazu festgehalten: „Wir erhielten ein Schreiben und wurden aufgefordert, in der Viehhalle aus dem dortigen Möbellager alles Notwendige kostenlos auszusuchen. . .  Dorthin hatte man das Eigentum von aus Holland verschleppten Juden gebracht, ganze Wohnungseinrichtungen, prachtvolle Möbel aus reichen Häusern, Teppiche, Gardinen – wir schauderten, als wir das hörten! Das konnte man uns anbieten?!“. Familie Siefkes bediente sich dort nicht; in der einen oder anderen Wohnung steht vielleicht heute noch ein Möbelstück, das damals dem jüdischen Eigentümer gestohlen wurde.

Heinz Giermanns



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