Verstorbene nahm NS-Verbrechen an Eltern mit ins Grab

Als Else S. im vergangenen Jahr starb, nachdem sie jahrzehntelang in Leer gelebt hatte, stürzte das die Angehörigen in Trauer. Die meisten Leeraner dürfte das kaum berührt haben. Davon abgesehen, dass jedes Leben kostbar und einmalig ist, hat die Verstorbene seit ihrer Kindheit eine Bürde getragen, die ihr von dem barbarischen Hitler-Deutschland aufgeschultert wurde. Als sie zehn und ihr Bruder Helmut acht Jahre alt war, ihre Großeltern im Dezember 1940 Goldene Hochzeit feierten, hatten die Kinder keine Eltern mehr.

Der Vater lebte zwar noch, aber sie wussten nicht, wo er war. Im Beisein ihrer Kinder, des Bürgermeisters und des Pastors habe das Jubelpaar in jenem Wintermonat sein Ehejubiläum gefeiert, war später in der Zeitung zu lesen, so, wie dies damals üblich war. Dass Tochter und Schwiegersohn fehlten, wurde nicht erwähnt. Die Tochter Johanne war im Jahr zuvor gestorben, wie Zeitzeugen berichteten, an den Folgen einer Zwangssterilisation, auf der der Grundlage des Gesetzes „zur Reinhaltung des deutschen Blutes“ angeordnet vom staatlichen Gesundheitsamt in Leer und vermutlich ausgeführt vom dem aus Ditzum stammenden und in Westrhauderfehn praktizierenden Arzt Dr. Peter Visher. Dr. Visher war Leiter des „Amtes für Volksgesundheit“ für den Kreis Leer und damit verantwortlich für die Umsetzung der Rassegesetze der NS-Regierung. Zur Begründung für den Eingriff dürfte angeführt worden sein, dass sie mit einem Juden verheiratet sei und verhindert werden müsse, dass sie weitere jüdische Kinder zur Welt bringe.
Dass ihr Ehemann Alfred Koch aus Liebe zu seiner Frau vom jüdischen zum christlichen Glauben konvertiert war, scheint nicht interessiert zu haben. Julius Streicher, oberster Judenhetzer in Hitler-Deutschland, hatte wiederholt behauptet, man könne einen Juden mit einem ganzen Eimer Weihwasser taufen, ein Jude bliebe immer ein Jude. Als der Eingriff an seiner Frau vorgenommen wurde, verbüßte Alfred Koch in Lingen eine Gefängnisstrafe, zu der er verurteilt worden war, weil er, der Chemiker und Rechtskonsulent, einen Richter beleidigt haben sollte. Kurz bevor er entlassen wurde, schrieb die „Geheime Staatspolizei“ (Gestapo) an das Gendarmerie-Amt in Westrhauderfehn: „Betriff: Juden Alfred Koch . . . der oben genannte Jude . . . wird in den nächsten Tagen in Lingen entlassen. . . Ich bitte, den Genannten vertraulich überwachen zu lassen . . .“

Wenige Tage nach seiner Entlassung starb seine Frau. Mangels anderer Möglichkeiten gab der Vater seine Kinder in die Obhut des Wohlfahrtsheims in Westrhauderfehn, wo sie aufwuchsen. Am 5. August 1940 schrieb die Gestapo an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin: „Der Jude Alfred Israel Koch . . . wurde vorläufig festgenommen, weil er eine Schlägerei mit einem deutschen Volksgenossen anzettelte. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.“ Das wurden sie nie, denn die Begründung für die Verhaftung war ein Vorwand. Am 2. Oktober 1940 schrieb die Gestapo an den Vorsteher des Gerichtsgefängnisses in Emden: „Der Obengenannte wird in absehbarer Zeit auf Anordnung des Reichssicherheitshauptamtes dem K.Lager Sachsenhausen überstellt. Die hies. Ortspolizeibehörde wurde angewiesen, den Koch mittels Sammeltransport nach Sachsenhausen zu überstellen.“ Das geschah am 17. Oktober jenes Jahres. Von dort wurde er ins KZ Auschwitz deportiert, wo er am 5. November 1942 ermordet wurde.


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